Die Gier im Leben

Wenn man schon mal in der 1. Klasse nach Berlin gefahren wird, das Hotel Textiltapeten trägt und man sich das Aufnahmestudio mit dem Head-Running-Coach von NIKE teilt, liegt doch nichts näher, als die „Gier“ zu beschreiben.


Von der Ledercouch in der Hotel-Lobby, fällt es relativ leicht, unersättliche Personen des öffentlichen Lebens auszumachen und sie, mit der Hand am Cappuccino, zu verurteilen.

Zu spüren, das man sich selbst an die erstbeste Lobby verkaufen würde, um den loftigen Traum vom Haus am See zu verwirklichen, ist schon schwieriger einzugestehen.


Steht man als achtsamer Kai in der Öffentlichkeit, ist die Gefahr umso größer, diese Impulse zu verleugnen. Nutzt man Achtsamkeit jedoch im Sinne der Übung, kommt man nicht drum herum, anfängliche Verblendung, kurzzeitige Überforderung und anschließende Leugnung, bewusst zu bemerken.

Am Ende steht man dem gierigen Jungen vom Dorf gegenüber, der jede Möglichkeit nutzen würde, um endlich in den goldenen Westen zu ziehen: Größere Wohnung, schnellere Technik, wärmere Reisen und schönere Menschen.


Weltraumflüge einzelner Personen als Idealbild und Erfolgsgeschichte verpackt, machen es nicht leichter, sich weniger blenden zu lassen und den Blick immer wieder in den schattigen Innenraum zu richten. An der Wurzel erkennt man, dass dort nicht nur der Wunsch nach »Persönlicher Freiheit durch finanzielle Unabhängigkeit« wirkt, sondern die Angst vor Bedeutungslosigkeit und Tod.


Wir hoffen, durch finanziellen Reichtum endlich ein anhaltendes Gefühl von Macht und Beruhigung zu erfahren – ein dauerndes Gefühl von Glück. Buddhisten nennen das Verblendung – eine weitere üble Wurzel, neben der Gier.


Spätestens jedoch nach einer Woche kreativer Schaum-Botschaften im Latte-Machiato und bunten Sushi-Bowls in denen man baden möchte, spüre ich bereits ein Sättigungsgefühl. Auch in der hippen Großstadt habe ich die selben Sorgen und Ängste nur in stylischerer Umgebung und cooleren Klamotten (zu denen mich die Gier überredet hat).

Alle weltlichen Dinge sind auf Dauer unbefriedigend und deshalb gieren wir immer (nach) mehr. Im Buddhismus erkennt man darin „Unzulänglichkeit“ – ein Daseinsmerkmal des Lebens.


Die „Unbeständigkeit“, ein weiteres Merkmal, begegnet uns in der Angst, unseren Reichtum wieder zu verlieren. Erneut vor Raufasertapete zu übernachten und in der Pappbox in der Küche Audios aufzunehmen. Auch wenn das Ende unweigerlich mit dem Verlust aller weltlichen Besitztümer einhergeht, klammern wir uns unbewusst und mit aller Macht an Dinge und streben nach Mehr. Immer in der Hoffnung, dass sich unser Glück, spätestens als Präsident oder Millionär, dauerhaft manifestiert.


Ist man wenig achtsam, gerät man schnell in einen Kreislauf aus Gier, Angst und erneutem Begehren. Achtsamkeit Ent-Täuscht, denn sie macht uns deutlich klar, dass es sich bei dem Glaube, dauerhaftes Glück könnte im Loft leben, letztlich um eine Illusion handelt, auch wenn luftige Immobilienmakler*innen sich viel Mühe geben, unseren Glauben zu festigen.


Diese Klarheit hilft, in Balance und auf dem Weg zu bleiben. Kein statischer Akt sondern ein Pendelbewegung zwischen Illusion und Wirklichkeit. Gerade schwinge ich wieder auf den mittleren Weg und es stimmt mich zufrieden, mir ehrlich und aufrichtig selbst zu begegnen.


Wir brauchen Gier nicht los werden, sondern dürfen sie uns bewusst machen. Dabei erkennen wir nach und nach immer besser, warum hinter den aktuellen Tagesthemen, seit jeher ein Mensch steht, der sich seiner Gier wenig bewusst war und dem Traum von anhaltendem Glück und der Angst vor Unzulänglichkeit aufsaß.


Und so kann ich mit Stolz behaupten: Auch ich bin gierig! Das habe ich selbst erkannt. Die beste Voraussetzung um sich bewusst zu verkaufen und dadurch weniger Schaden anzurichten.



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